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Moos

Hast du schon jemals Moos gesehen?
Nicht bloss so im Vorübergehen,
so nebenbei, von oben her,
so ungefähr -
nein, dicht vor Augen, hingekniet,
wie man sich eine Schrift besieht?
Oh Wunderschrift! Oh Zauberzeichen!
Da wächst ein Urwald ohnegleichen,
und wuchert wild und wunderbar
im Tannendunkel, Jahr für Jahr,

mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
mit silbernen Trompetentütchen,
mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
mit Sammethäärchen, Bluetenglöckchen,
und wächst so klein und ungesehen -
ein Hümpel Moos.
Und riesengross
die Bäume stehen.

Doch manchmal kommt es wohl auch vor,
dass sich ein Reh hierher verlor,
sich unter diese Zweige bückt,
ins Moos die spitzen Füsse drückt
und dass ein Has, vom Fuchs gehetzt,
dies Moos mit seinem Blute netzt...
Und schnaufend kriecht vielleicht hier auch
ein sammetweicher Igelbauch,
indes der Ameis' Karawanen
sich unentwegt durchs Dickicht bahnen.
Ein Wiesel pfeift, ein Sprung und Stoss...
und kalt und gross
gleitet die Schlange durchs Moos...

Wer weiss, was alles hier geschieht,
was nur das Moos im Dunkeln sieht:
Kein Wort verrät das Moos.
Und riesengross die Bäume stehen.
Hast du schon jemals Moos gesehen?

Siegfried von Vegesack / 1888-1974

 

 

Kontext:

Dies ist eines meiner Lieblingsgedichte. Siegfried von Vegesack hat es fertiggebracht, ein Gedicht so lebendig uns vor Augen zu malen, dass man wirklich beim Lesen meint die beschriebenen Szenen zu erleben. Die Wortwahl ist auch golden und sehr passend. Zudem wird Spannung aufgebaut im Gedicht, die auch über das Gedichtende hinaus anhält. Man hat nach dem Lesen Lust, selber sich Moos mal genauer anzusehen!

Das ist in meinen Augen hohe Dichtkunst! Als ich dieses Gedicht das erstemal las, dachte ich: "So möchte ich auch mal dichten können!"

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